Trans*YEAH

Trans*YEAH

Positionspapier zum Slutwalk 2012. Entstanden in und um TrIQ. 1

I

II

III

1. „Slutwalk“

1. Sichtbarkeit

1. Was hat das mit dem „Slutwalk“ zu tun?

2. Kritik

2. Solidarisierung

2. Was hat das mit „trans*“ zu tun?

3. Trans*

3. Gegen-Bilder

3. YEAH!

4. Kapitalismus

I

.
1. „Slutwalk“: 2011 begann in Toronto der erste Slutwalk als Reaktion auf folgendes Statement von Police Officer Michael Sanguinetti: „Women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized“ Schnell verbreiteten sich Messages und Statistiken, die ziemlich eindeutig zeigten: Vergewaltigungen und andere Gewalttaten gegen Frauen finden zu einem großen Teil in Familien und im Bekanntenkreis statt. Die Sache mit den Klamotten ist eine blanke Lüge. „Victim Blaming“ wurde Stichwort und Lauffeuer – die Verschiebung von Verantwortung auf die Leidtragenden war und ist ein himmelschreiendes Unrecht.

Wir solidarisieren uns daher uneingeschränkt mit allen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten.

Wir solidarisieren uns daher mit allen, die gegen sexualisierte Gewalt, rape-culture, Misogynie, Sexismus und tausend andere Sachen täglich arbeiten und heute auf die Straße gehen.

Wir solidarisieren uns daher mit dem Slut-Walk-Orga-Team, das am 15.09.2012 einen „Slutwalk“ in Berlin unter großem physischem, psychischen, organisatorischen und anderem Aufwand in die Wege geleitet hat, um ein Zeichen zu setzen nicht nur gegen Gewalt die schon stattgefunden hat, sondern auch gegen Gewalt die noch stattfinden wird und noch stattfinden könnte – denn wir wollen ein Ende der Angst, ein Ende der Gewalt, ein Ende der endlosen Blicke und nicht enden wollenden Rechtfertigungszwänge.

2. Kritik: Während an allen Ecken und Enden Spekulationen über einen neuen Feminismus losgingen und Queerfeminist_innen sich über den Backlash beschwerten, verwiesen Feminist_innen of Color zurecht auf die implizite weiße Norm: Denn zur Aneignung braucht es Distanz zur Beleidigung. Die hat meist nur, wer ihr nicht regelmäßig ausgesetzt ist. Und das hat allzu oft mit weißem Privileg zu tun. Wir solidarisieren uns mit dieser berechtigten Kritik.  [Nachtrag: Zuletzt hier, was leider auch 2012 die Lernfähigkeit des berliner Teams in Frage stellt.] Weitgehend daran vorbei lief auch ein Slutwalk in Berlin. Dennoch fand der Walk viel Anklang und ermöglichte eine erfrischte Debatte über „Feminismus“, „sexuelle Selbstbestimmung“ und „Geschlechtergerechtigkeit“, die bitter nötig ist, insbesondere wenn neoliberale Kristina-Schröder-„Feministinnen“ ihrerseits die Vorzeichen neu auszurichten suchen.

3. Trans*: Diese florierende Auseinandersetzung möchten wir um eine bis jetzt eher überhörte Perspektive ergänzen: eine Trans*Perspektive. In diesem Kontext ist das nicht irgendeine Perspektive. Denn wer als „Trans*“ gelesen wird, ist bis heute regelmäßig mit Worten wie „ach weißt du, wenn du dich so anziehst…“ oder „if you dress up like that…“ konfrontiert, die ihr_ihm das Recht auf Menschlichkeit und körperliche Unversehrtheit flächendeckend streitig machen.

Die Schuldzuweisung „wenn du dich so anziehst“ ist freilich Unsinn, denn

/ „Victim Blaming“2 verdreht die Tatsachen und doppelt die Gewalterfahrung durch Entsolidarisierung.

/ Trans* ist keine Stilfrage. Wie wir unser Geschlecht leben ist allein unsere Sache und hat nichts mit „Provokation“ zu tun.    

/ Trans*Personen können selber denken und definieren, was angemessen ist und was nicht. Normierende Zuweisungen, die vorschreiben (wollen), wie Geschlechter gelebt werden müssen, sind sprachliche Gewalt. Sie gehen zumeist daran vorbei, dass sich viele Trans*Personen „zwischen“, „neben“, „über“ und manchmal „jenseits“ von „männlich“ und „weiblich“ verorten. „Like that“ wird (spätestens) dann zu Quatsch und Sülze.

Trans*Mensch_innen und _außen sind dabei niemals einfach hilflose Gegenstände eines fiesen Begehrens gewesen. Über die Jahre haben wir Antworten, Sprüche, Strategien, Institutionen und Praktiken entwickelt. So kommt das Wort „Schlampe_Slut“ aus dem Kontext der Beschimpfung von Sexarbeiter_innen und beleidigt auf Grundlage angenommener und als verwerflich stigmatisierter Promiskuität. Der Begriff wurde bereits vor dem Slutwalk von Sexarbeiter_innen angeeignet. Der Slutwalk ist dabei nichtsdestotrotz ein wichtiger Schritt. Sexarbeit kann eine Umkehrung von und spezieller Umgang mit patriachalen Machtstrukturen sein. Trans*sexarbeiter_innen arbeiten mit diskriminierenden wie exotisierenden Verhältnisen und eignen sich dieselben damit an. Sie drehen die Verhältnisse um: Plötzlich wird Trans* begehrt und der Preis und die Bedingungen dafür liegen in unserer Hand. Wir arbeiten mit dem Begriff der Schlampe, genauso wie Cisweibliche Sexarbeiter_innen.3 Das ist nur ein Beispiel unter vielen, das zeigt, wie Trans*Mensch_innen und _außen Wissen und Strategien leben, die in einem kreativen Protest wie dem „Slutwalk“ eine interessante Rolle spielen könnten, die weit über einen Wortbeitrag hinausreicht.

Dennoch gibt es Gewalt gegen Trans*Mensch_innen und _außen. Die Datenlage hierzu ist einigermaßen miserabe. Dies unter anderem, weil die fraglichen Vorfälle meist entweder aus Angst vor Polizei und medizinischem Establishment nicht gemeldet, oder aber Trans*Männlichkeiten oft als „weiblich“, Trans*Weiblichkeiten oft als „männlich“ in die Statistiken eingeschrieben werden.Im Lichte dieser Einschränkungen sind folgende Zeilen zu lesen:

Einer aktuellen Studien zufolge berichten 30% der Trans*Männlichkeiten und sogar 51% der Trans*Weiblichkeiten davon, dass sie (zum Teil) häufig auf der Strasse negative Erfahrungen machen. Eine andere Studie beziffert die Zahl der europäischen Trans*Menschen die Erfahrungen mit sprachlicher oder körperlicher Gewalt in der Öffentlichkeit machen auf 79% [78% in Deutschland].4 So treffen Trans*Personen (und wohl mehr noch Trans*Frauen) mitunter auf Gewalt, wenn ihr angeblich „wahres“ Geschlecht „entdeckt“ wird.5 Trans*Weiblichkeiten, die nicht weiß sind, führen bis heute die traurige Liste der häufigsten Tötungsdelikte unter LGBTIQ-Gewalttaten an. Trans*Männlichkeiten begegnen mitunter Formen von „corrective rape“.6

II

Der Slutwalk adressiert mithin Themen, die für Trans*Mensch_innen und _außen zentrale Gegenständen des täglichen Lebens sind. Aus dieser unserer Perspektive gibt es allerdings ein paar klebrige Betrüblichkeiten:


1. Sichtbarkeit: Sich als trans* zu outen hat auch 2012 und auch in Berlin noch physische, psychische und strukturelle Gewalt und Objektivierung zur Folge. Daher ist eine Demonstration, deren politische Strategie gerade „Sichtbarkeit“ ist, gegebenenfalls nicht für alle Trans*Mensch_innen und _außen optimal. Wenn ich trans* demonstriere, wenn ich als Trans* lesbar bin, muss ich gegebenenfalls mit Exotisierung rechnen. Soll ich dann passen7 oder als trans* erkennbar sein? Wenn ich doch im Alltag passe? Oder wenn ich aufgrund meiner Diskriminierungserfahrung die überwiegend weiße-cis-Queer-Community meide und es mir deshalb an Schutzräumen mangelt – wie verhält sich das auf dem Slutwalk? Und soll ich für Trans*- oder Cis-Leute erkennbar sein? Oder wenn mir die familiäre – gegebenenfalls transphobe – Gemeinschaft irgendwie wichtig ist und die mich nicht sehen sollen? Und wenn ich sie brauche? Für einige Trans*Mensch_innen und _außen ist die Pflicht zur „Unsichtbarkeit“, mein Verhalten dazu (Ablehnung, Gelingen etc.) und dessen Konsequenzen ständige Begleiterin. Es wäre daher schön gewesen, Fragen der Sichtbarkeit gemeinsam zu diskutieren.

2. Solidarisierung: Mit wem solidarisiert sich der „Slutwalk“ aktiv und warum – und zwar über die hörbare und wunderbar-explizite Nennung von „Trans*“ hinaus, auf vielen „Slutwalk“-Veröffentlichungen, Homepages, in Interviews und (vermutlich) Sprecher_innen auf dem Walk selbst. Eine oft gestellt Frage ist, ob „Männer“ auch mitdemonstrieren dürften, was konsequent bejaht wird. Das unterstützen wir natürlich. Abgesehen davon aber, dass „Trans*“ und „Männer“ unseres Wissens nie miteinander in Beziehung gesetzt werden (obwohl es doch eine ganze Menge Trans*Männer und *Männlichkeiten gibt), ist uns ein aktives Bemühen um die Teilnahme und Einbeziehung von Trans*Perspektiven zum Slutwalk nicht bekannt. Eine Ausnahme bildet eine Email an TrIQ, die uns am 27.08.12 erreichte und uns für einen Redebeitrag anfragt, nicht aber für allgemeine Persektiven, eine grundsätzliche Stellungnahme, Informationen, wie der Walk vielleicht für Trans*Mensch_innen und _außen angenehm gestaltet werden würde, ob wir kommen wollen oder was wir sonst so machen oder denken. Freilich repräsentieren wir nicht die Wahrheit aller Trans*Realitäten. Jedoch scheint uns, dass zentrale Themen nicht bedacht wurden. Aus dem Eindruck heraus, dass eine Auseinandersetzung mit den Ausschlusspraktiken und Vereinnahmungen des Slutwalks seit dem letzten Jahr nicht stattgefunden hat, haben wir diese Anfrage abgelehnt. Unseren Informationen zufolge haben sich Les Migras ebenso verhalten.

Angesichts der Tatsache, dass sich der Slutwalk für Themen einsetzt, mit denen sich Trans*Mensch_innen und _außen regelmäßig auseinandersetzen, und für die über die Jahre Antworten, Strategien, Institutionen und Praktiken entwickelt wurden, überrascht dieses Missverhältnis: Warum wird die Solidarität mit der „gesellschaftlichen Mitte“ und „Männern“ so regelmäßig bekundet wie die Strategien und zentrale Solidaritätslinie zu Trans*Mensch_innen und _außen nicht erwähnt?

In unser Unverständnis dem gegenüber spielt auch hinein, dass die Selbstdarstellung auf der Slutwalk-Homepage einen überaus individualisierenden Ton anschlägt, der systemische Zusammenhänge konsequent ausblendet. Das ist ausgesprochenn schade. Denn hinter individualisierter Schuld können sich zwar sicherlich große Teile des Bürger_innentums und der Eliten (einschließlich ihrer Medien) für den Slutwalk begeistern. Dabei geraten aber die größeren Zusammenhänge aus dem Blick und gerade die sind es, die sexualisierte Gewalt letztlich bedingen und legitimieren. Das finden überaus wir schade.

3. Gegen-Bilder: Wir solidarisieren uns mit sämtlichen Zielen des Slutwalk und honorieren ausdrücklich das Engagement und die Energie die von vielen Mensch_innen und _außen dafür aufgewandt wurde. Dennoch sehen wir ein Problem speziell in der Selbstdarstellung des Berliner Slutwalks: das Bild des „Bad Boy“ erscheint männlich, hetero und dumm.8 Das geht an der Trans*Realität gründlich vorbei:

Trans*Phobie und Cis-Sexismus finden sich bei Hetero-Frauen, Lesben und Schwulen, quer durch alle Sozial-, Stil- und anderen Ge-Schichten und auch unter denen, die Trans* gelesen werden (worunter mitunter auch Butches, Femmes und anderen Genders fallen). Nicht zuletzt in der queeren Szene und auch in Berlin lächeln, lauern, lästern und fluchen sie nicht zuletzt als frauenfeindlicher Sexismus, (Trans-)Misogynie9, sexualisierende Objektivierung und Exotisierung („Sowas sieht man selten – ich will es die ganze Zeit anstarren und anflirten, ganz egal was es davon hält“). Sie schleichen als Beanspruchung von Autorität über Trans*Körper und durch Verhaltensweisen auch femininer Uhrmacher_innen, Barkeeper_innen und Professor_innen („Du musst das anders machen mit dem Kajal“, „Darling, die Schuhe passen nicht zum Hemd“, „Das mit der Macker-Geste üben wir aber nochmal …“) zum Beispiel.

Diese Zusammenhänge fallen im diesjährigen Slutwalk leider völlig raus – nicht etwa weil sie geleugnet, sondern weil sie nicht thematisiert werden. Die sehr bedeutungsoffenen Formulierungen in vielen Slutwalk-Statements, Veröffentlichungen etc. bieten viel Spielraum für den Anschluss an selbstgefällige und ganz und gar nicht emanzipatorische Geschichten: die glückliche queere Szene, zum Beispiel.

4. Kapitalismus: In einer Klassengesellschaft bekommen solche Weiblichkeiten, die als „proletarisch“ oder der „Unterschicht“ zugehörig etikettiert werden tendenziell eher die Aufschrift „Schlampe“ als diejenigen, die als „bürgerlich“ lesbar sind. „Weiblichkeit“, „sexyness“ und „sexuelle Selbstbestimmung“ sind damit bis heute nicht zuletzt eine Frage des Geldes. Und Wohlstand ist eine ebenso rassifizierte wie ge-cis-genderte Kategorie, die unter anderem über Einstellungspolitiken, Zugang zu öffentlichen Geldern etc. geregelt wird. Das rührt von einer Asymmetrie der Verteilung von Geld an soziale Gruppen im Verhältnis zum deutschen Paradigma „weiß-cis-hetero-vollbefähigt-männlich“ einerseits und der Aufreihung von Weiblichkeiten an der Norm „Finanzkraft“ andererseits her: Nicht-weiße-cis-hetero-Weiblichkeiten sind in diesem System per definitionem minderwertig. Und wer sich die 580€ Hose in rotem Leder oder nur den Kaffee an der Ecke nicht leisten kann, ist nach wiie vor und allzu of ziemlich schnell ziemlich raus. Diese Zusammenhänge bleiben unseres Wissens durchweg unbeleuchtet. Das finden wir schade.

Diese Verquickung von „Kapitalismus“ und „Patriarchat“ richtet sich sowohl gegen Cisfrauen als auch gegen Trans*Mensch_innen und _außen sowie alle anderen, die „(zu) feminin“, „nicht maskulin genug“, sonstwie „falsch“ oder jenseits der Selbstpositionierung gelesen werden. Hier böte sich eine großflächige Linie mögliche Solidarität, gemeinsamer Aktionen und eines gemeinsamen Nachdenkens über produktive Formen des Protests. Diese Fäden aufzunehmen steht bis dato noch aus. Dies insbesondere, weil im deutschen feministischen Mainstream-Diskurs die besonderen Formen neoliberaler Weiblichkeit noch nicht angekommen zu sein scheinen. Denn „Weiblichkeit“ ist traditionell Tauschware unter Männern und wert was die Käufer_innen für „Wert“ halten: Zum Beispiel „Schönheit“, „Diszipliniertheit“, „Schul- und Uni-abschluss“, „Widerständigkeit“, „soziales Engagement“, „ökologisches Bewusstsein“, „kein anderes Bier“ – und der Zugang zu Rechten bemisst sich traditionell auch an solche „Werten“.

Wenn es im happy-neoliberal-capitalism einen „Fortschritt“ diesem klassisch patriarchalen Spiel gegenüber gibt, dann ist das folgender: „Frau“ darf sich jetzt selbst verkaufen, ihren Marktwert selber steigern. Das tut sie zum Beispiel, indem sie sich „anzieht wie sie will“ und „sie will“ „sexy (schön, heiß, süß, niedlich, schick)“ sein – für wen? Allzu oft immernoch für den männlichen Blick. „Sie will“ „klug (intelligent, schlau, tough, cool, schlagfertig)“ sein – für wen? Allzu oft immernoch für das männliche Begehren. Wir nennen das eine „warenförmige Weiblichkeit“.

Die Frage bleibt: Wer macht die Regeln und für wen produziere ich mich so oder so? Solange „Selbstbestimmung“ bedeutet, dass ich mir aussuchen kann, wer Macht über meinen Körper hat, befinden wir uns mitten im Patriarchat. Solange „Emanzipation“ bedeutet, dass ich meinen Tauschwert gegenüber anderen „Frauen“ mit meinem eigenen Kapital steigern darf, befinden wir uns mitten im Kapitalismus. Solange Kapitalismus „Wettbewerb“ und „Gewinnmaximierung“ bedeutet, solange Patriarchat „Schwanzvergleich“ und „Frauentausch“ bedeutet, solange ist eine vereinzelte Kritik nur ein weiterer Spielstein im Karussell voll ideologischer Sackgassen. Dies zu adressieren und kreativ zu protestieren bleibt eine Aufgabe zukünftiger Aktivismen. Strategien des produktiven Umgangs bietet beispielsweise die Femme-Kultur, die Lesben-Liga, sowie die produktive Aneignung durch nicht zuletzt Trans*Sexarbeiter_innen. „Wir machen den Preis.“ Aber die Zeit drängt und alle, die sich nicht ganz explizit dagegen aussprechen, spielen leider allzu oft und ohne bösen Willen in die Hände eines Spiels, bei dem im Endeffekt alle leer ausgehen.

III


1. Was hat das mit dem „Slutwalk“ zu tun? Der „Slutwalk“ birgt durch seine Bilderpolitik die Gefahr des nächsten Wiederaufgusses „warenförmiger Weiblichkeit“: Denn die Zeitung will Brüste sehen und die Zeitung wird Brüste sehen. Das ist kein „Fehler“ des Slutwalkteams oder der Walker_innen: Es ist nicht zuletzt die „Gesellschaft des Spektakels“, die diese Bilder ganz gezielt produziert, weil – sex sells. Dem muss gezielt begegnet werden. Wenn Brüste, dann nicht für die Medien, sondern unseretwegen. Wenn Hot Pants, dann nicht um sie zu zeigen, sondern um sie nicht zu verstecken. Und wenn wir „anmachen„, dann nach unseren Regeln – und wenn nicht, dann nicht. Alles andere lässt sich von der kostenlosen Vermarktung unserer Körpern faktisch nicht unterscheiden. Darauf muss aktiv und gemeinsam mit möglichst witzigen, groß angelegten, die Kameras an Nasen und Kopfbrettern herumführenden Aktionen reagiert werden. Denn manche Medienorgane mögen ausgesprochen dreist und dumm sein, aber darauf zumindest können wir uns verlassen.

2. Was hat das mit „trans*'“ zu tun? Es scheint offensichtlich, dass jede Form von trans* auf die eine oder andere Weise mit dieser Vermarktung konfrontiert ist – sei es, weil Trans*Weiblichkeiten Gegenstand misogyner Tauschprozesse sind. Sei es, weil Trans*Männlichkeiten auf ihren Warenstatus zurückfallen, sobald sie nicht passen. Sei es, weil wir uns alle irgendwie zu dieser wirkmächtigen Gesamtproblematik verhalten müssen.

Einige Cis-Menschen scheinen mit Trans*Personen allerdings ein besonderes Problem zu haben: Letzteren wird mitunter ein bestimmter geschlechtlicher Status abgesprochen. „Hab dich nicht so, du bist doch gar kein_e „Mann/Frau/Person/Mensch/Säugetier.“ „Sie hätten sich doch wehren können, Sie sind doch ein Mann!“ „Was machst DU denn HIER?!“ Obwohl wir also an einer bestimmten Unterdrückung teilhaben – die teils durch Exotisierung noch verstärkt wird – bleibt uns die gesellschaftlich verbriefte Gegenmaßnahme oft verwehrt. Das tut dem Verhältnis zu staatlichen Kräften nicht gut und so geben 40% der Trans*Mensch_innen und _außen in Deutschland an, kein Vertrauen in die Polizei zu haben.10

Diskriminierung findet statt, ohne dass die Betroffenen Zugang zu entsprechenden (zum Beispiel rechtlichen) Ressourcen für Gegenmaßnahmen haben. Deshalb setzen sich Trans*Personen auf ganz besondere Weisen mit Formen vergeschlechtlichter Gewalt und Unterdrückung auseinander. Wir finden Strategien, arbeiten mit diesen Unrechtsverhältnissen, eignen sie an und lachen sie aus. Und weil die marktförmige Version davon gerade besonders am Start ist, muss sie ganz besonders Gegenstand gemeinsamen Nachdenkens sein. Wir wollen andere, komplexere, witzigere, zeitgemäßere, bessere Bildstrategien. Wir wollen mehr Solidarität. Wir wollen einen klaren, einen komplexen, einen kreativen Schritt in Richtung „Ende der Angst“. Der Slutwalk hat das Potential dazu. Gerade wegen seines ganz besonderen Bezugs zu Bildlichkeit und Sexualität. Der „Slutwalk“ könnte die Reihe der Strategien des Umgangs mit einer sexistischen und trans*phoben Gesellschaft weiterführen, ergänzen, vielleicht auf einen neuen Level  heben. Diese Potentiale kreativ zu nutzen steht unseres Wissens noch aus.

3. YEAH! Wir unterstützen die Idee eines „Slutwalk“ aus vollem Herzen! Wir sehen eine Menge Elan und Engagement gegen Sexismus. Wir sehen ein motiviertes Team mit dem Willen zu mehr. Wir sehen auch die Notwendigkeit einer komplexere Repräsentationskritik. Gerade wegen seiner scheinbar paradoxen Beschaffenheit eignet sich das Konzept „Slutwalk“ dafür besonders gut. Aber es geht um mehr. Es geht um vielfältige Reflexion über die vielfältigen Verbindungen zwischen Patriarchat, Kapitalismus, Rassismus und all den Dinge, die wir noch nicht genannt haben. Es geht um deren kreative Markierung. Es geht um weitergehende Solidarität. Wir glauben, dass der „Slutwalk“ nicht nur ein Ort des Protests, sondern auch ein Ort der gemeinsamen Aushandlung und Erprobung anti-(cis)-sexistischer, anti-neoliberaler, anti-misogyner, anti-rassistischer, anti-transphober, anti-patriarchaler Praktiken sein könnte. Dafür, so glauben wir, lohnt es sich, unbequem zu bleiben. Denn Glitzer ist die Lieblingsfarbe von alles. Und mit nichts weniger gehen wir nach – ?

1Die folgenden Seiten geben nicht die Position aller Mitglieder von TrIQ wieder, noch können sie alle Meinungen, Ideen und Auffassungen aller Trans*Mensch_innen und _außen fassen oder gar repräsentieren. Statt eines umfassenden „Wir“ spricht hier deshalb ein fraktales „wir“, das sich streut und manchmal sammelt. Manchmal springt und sich manchmal widerspricht. Dieses „wir“ ist dabei weiß positioniert – wir versuchen, entsprechende Stimmen und Perspektiven ein- und um-zuarbeiten; das konnte hier nur unzureichend geschehen. Wir versuchen das in Zukunft zu ändern.

2„Victim Blaming“ ist die Praktik, Opfer für Übergriffe und anderes erlittenes Unrecht verantwortlich zu machen, „Victim Blaming“ funktioniert dabei wesentlich breiter als nur über Kleidungsargumente (gerade bei z.B. So genanntenm corrective rape) und kann auf keinen Fall argmentativ klar eingegrenzt werdden.

3Der prozentsatz von als transfeminin gelesenen Personen die Sexarbeit machen ist höher als der von Cisweiblichen. Das hängt auch mit den gesellschaftlicen Bedingungen zusammen.

4„Transphobic Hate Crime in the European Union „, Dr Lewis Turner und Professor Stephen Whittle , Ryan Combs , May 2009 – http://www.ucu.org.uk/media/pdf/r/6/transphobic_hate_crime_in_eu.pdf, vergleiche auch: http://www.transrespect-transphobia.org/

5Wir treten hier weder für „Wahrheit“ noch für die Logik des“entdeckens“ ein.

6Bezeichnet Vergewaltigungen, bei denen die vergewaltingende Person meint, der betreffenden Trans*Person eine Geschlechtlichkeit aufzwingen zu können.

7Passing (von engl. „to pass for/as“‚ als jmd. durchgehen/bestehen/gelten, sich als jmd. ausgeben‘) bezeichnet – ausgehend vom „passing“ in Bezug auf „race“ in den USA – die Fähigkeit einer Person, als Mitglied einer sozialen Gruppe akzeptiert oder eingeschätzt zu werden, der sie_er per definitionem nicht angehört.

8Aufgrund unserer oben genannten Positionierung als weiß enthalten wir uns an dieser Stelle einer Besichtigung eventuell impliziter Bilder von „Homonationalismus“ und deren Kontextualisierung mit Trans*of-Color. Wir freuen uns diesbezüglich über Diskussionsbeiträge und Hinweise.

9Misogynie – „Frauenhass“

10Turner und Whittle 2009 Die besondere Position von Trans*Menschen of Color bleibt hier leider vorerst unverhandelt.

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